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Religion im öffentlichen Raum

04/2008
Religion im öffentlichen Raum

Von Playmobil gibt es neuestens eine Kirche, ausgestattet mit allem, was es für eine Hochzeit braucht, inklusive Glockengeläut und Orgelspiel. Neben Ritterburg, Polizeistation, Flughafen oder Spital können die Kinder nun auch Kirche spielen. Religion ist heute – und dies nicht nur im Kinderzimmer, sondern auch im öffentlichen Raum - wieder stärker präsent und sichtbar. Man spricht von der „Wiederkehr der Götter“ (Friedrich Wilhelm Graf), es ist die Rede von einer postsäkularen Gesellschaft, die sich auf das Fortbestehen religiöser Gemeinschaften in einer sich fortwährend säkularisierenden Umgebung einstellt (Jürgen Habermas, Klaus Eder). Für Kontroversen sorgt die neue Öffentlichkeit der Religion dort, wo bislang marginalisierte Gruppen ebenfalls Anspruch auf Präsenz im öffentlichen Raum erheben. Doch lässt sich das Thema nicht darauf reduzieren. Alle Religionsgemeinschaften - und mit ihnen auch die Kirchen - orientieren sich heute stärker nach außen  und treten in der Öffentlichkeit selbstbewusster auf. Religion ist auf die Bühne des öffentlichen Diskurses zurückgekehrt. Nicht weiter verwunderlich, dass diese Entwicklung gegenwärtig auch viele Künstlerinnen und Künstler beschäftigt.
Das vorliegende Heft vereinigt Beiträge von Kunsthistorikern, Theologinnen und Religionswissenschaftlern, die das Thema mit Blick auf Kunst, Architektur, Städtebau und andere Formen der sichtbaren und hörbaren Präsenz von Religion im öffentlichen Raum analysieren. Längere und kürzere Aufsätze wechseln sich ab. Die kürzeren (am grauen Hintergrund erkennbar) reflektieren das Thema aus einer künstlerischen Außenperspektive. Sie sind jüngeren Interventionen im öffentlichen Raum – von Mark Wallinger, Gregor Schneider, Pipilotti Rist sowie Claudia und Julia Müller - gewidmet, in denen es um Fragen von Religion und Öffentlichkeit geht.
Die längeren Beiträge behandeln das Thema allgemeiner und aus verschiedenen Perspektiven: Johannes Stückelberger diskutiert das aktuelle Interesse der Gegenwartskunst an Phänomenen öffentlicher Religion an neueren Beispielen der Gattung Kirchenbild, an der heute stärkeren Präsenz zeitgenössischer Kunst in Kirchen sowie an weiteren Werken, die im öffentlichen Raum Religion thematisieren. David Plüss plädiert in der Öffentlichkeitsdebatte in Theologie und Religionswissenschaft für einen Spatial und Performative Turn, damit die sichtbare Präsenz von Religion im öffentlichen Raum überhaupt theoriefähig wird. Jürgen Mohn diskutiert die Transformation der Topographien europäischer Städte und deutet sie als Diversifizierung von Religion in andere Sphären wie Kunst, Staat und Wirtschaft. Martin Baumann und Andreas Tunger-Zanetti gehen der Frage nach, was sich abspielt, wenn zugewanderte Religionsgemeinschaften ihre ersten Kirchen, Moscheen oder Tempel bauen. Stefan Mittl reflektiert die jüngere Entwicklung im Umgang mit Kirchenglocken, die vom Prestigeobjekt zum Juristenfutter geworden sind. Und Ilonka Czerny diskutiert am Beispiel des Deutschen Katholikentags 2004 die Chancen kirchlicher Kunstausstellungen im öffentlichen Raum.

Johannes Stückelberger

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