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Gebrauchskunst

04/2021
Gebrauchskunst

Sind die Komposita, die so mühsam versuchen etwas Spezifisches zum Ausdruck zu bringen, nicht furchtbar? Gebrauchskunst gehört auf jeden Fall dazu. Was soll das sein? Kunst, die sich nutzen lässt oder sich abnutzt? Kunst, die einen gesellschaftlichen Nutzen hat? Mir liegt nichts daran, noch eine Kunst-Wort-Kombination einzuführen, eher möchte ich ein Thema benennen, das angesichts von Kunst in Kirchen immer einmal wieder auftaucht. Und tatsächlich kann eine Kunst als Nicht- Kunst abgetan werden, die sich allein aus dem Gebrauch heraus konstruiert. Die Frage, die damit übergangen wird, ist aber bedeutsam. Wie bewusst geht Kunst mit einem Kontext um, wie sehr will Kunst Einfluss nehmen und Prozesse im Raum mit- oder neugestalten und ist dabei in der Lage, sich auf einen konkreten Auftrag zu beziehen oder sich einen zu suchen? Was ist andererseits mit einer Kunst, die sich weigert, benutzt zu werden, die sich darauf beschränken möchte, zur Schau gestellt zu werden? Kunst sträubt sich nicht selten gegen Räume und Kontexte, die vereinnahmen, die dazu führen, dem Ausgestellten eine weitergehende Bedeutung zuzuschreiben oder sogar als etwas gesehen zu werden, das religiöse Praxis unterstützt. Augustin hat die Begriffe ‚Genießen‘ und ‚Gebrauchen‘ in die christliche Ästhetik eingeführt. Allgemeine Meinung ist, dass sich eine Abwertung der Sinnlichkeit in seinem Gebrauchsbegriff manifestiert. Therese Fuhrer sieht das anders und entdeckt Potential für die Gegenwart. Mit Maurin Dietrich, Timo Feldhaus und Tomas Kleiner springen wir in die Gegenwart und erfahren von der Selbstverständlichkeit bestimmter Kunst in vorgefundenen und erzeugten Kontexten als Realität und Inszenierung. Axel Kufus beleuchtet die Entstehung von Nutzbarem in Bezug auf das Freie der Kunst von der Seite des Designs. Benita Meissner hat sich mit Künstler*innen unterhalten, die ihre Arbeiten in sakrale Räume hineinstellen und sich gegen eine Unterscheidung innerhalb der Kunst verwehren. Tita Giese hat längst die Grenze zwischen Kunst und Alltag hinter sich gelassen, sieht sich in gewisser Weise als Dienstleisterin mit ihren fantastischen Konstellationen mitten im Stadtraum. Am Ende möchte das Heft ein Thema aufwirbeln und einen Begriff gleich wieder verabschieden: Gebrauchskunst.

THORSTEN NOLTING

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