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bild - körper - raum

01/2008
bild - körper - raum

Nicht von ungefähr hat sich die Bildwissenschaft seit der Jahrtausendwende geradezu als geistes-, kultur- und gesellschaftswissenschaftliche Leitdisziplin etabliert. Der durch W.J. Thomas Mitchells Studie Picture theory. Essays on Verbal and Visual Representation (1994) ausgelöste ‘pictorial turn’ rückte die Rolle von Bildern im Raum gesellschaftlicher Kommunikation nachhaltig ins Bewußtsein: nicht allein die Sprache bestimmt menschliches Verhalten und politisches Handeln, sondern in hohem Maße auch Bilder, wie sie täglich über Plakatwände und Bildschirme gleiten.
Vielfach verknüpft sich mit dieser Diagnose die Angst vor Manipulation. Die suggestive Wirkung von Bildern blende die Fähigkeit kritischer Distanznahme. Dieser Annahme liegt die alte Dichotomie von Ethik und Ästhetik zugrunde: kritisches Denken und Ethik als Forderung nach verantwortlichem Handeln seien dem Reich der Sprache, Bilder aber der –
nicht kontrollierbaren – Sphäre der Irrationalität und des Unbewussten zuzuordnen.
Nein, so lautet die gegenläufige These, vielmehr eröffne sich dem Menschen zuallererst durch Bilder jener Raum der Freiheit, der ihn zu (unmanipuliertem) Empfinden sowie (unzensuriertem) Denken und damit zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung befähige.
Und die Kunst? Wie agier(t)en Künstler/innen der Moderne und der Gegenwart im Spannungsfeld gleichermaßen möglicher gesellschaftlicher Manipulationen und ästhetischer Zwischenräume? Sind es vielleicht die Körper – vorgefundene und neu zu kreierende, individuelle und gemeinschaftliche – denen dabei eine ausgezeichnete Bedeutung zukommt?
Seit der Antike kreisen philosophische und theologische Bildtheorien um vergleichbare Problemstellungen. Nicht zuletzt das christliche Theorem der Inkarnation biete – so die These Mondzains – Ansatzpunkte für eine kritische Bildlektüre.
Kommunikationswissenschaftliche, philosophische und theologische Reflexionen verbinden sich im vorliegenden Heft mit Bildanalysen und einem Künstlerinterview. Welchen Wahrnehmungs-, Empfindungs-, Reflexions- und Handlungsraum vermögen Bilder zu eröffnen – oder auch zu beschneiden? – und welche Rolle übernehmen dabei die Rezipient/inn/en? Neben Positionen der Gegenwartskunst wurden auch Werke der jüngeren und älteren Kunstgeschichte in den Diskurs einbezogen. Welche Konstellationen ergeben sich, so lässt sich weiter fragen, im Kontext von Architektur; insbesondere wenn man der Tatsache Rechnung trägt, dass diese in der Regel durch zweidimensionale Medien vermittelt wird?
Im Berichtsteil finden sich u.a. eine Diskussion aktueller Glasfenstergestaltungen in Kirchenräumen sowie eine Präsentation der jüngst eröffneten Synagoge in Bochum. Den Schlusspunkt bildet eine umfangreiche Sammelrezension von jüngeren, seit 2005 erschienenen Publikationen aus dem interdisziplinären Forschungsfeld der Bildwissenschaften.

Monika Leisch-Kiesl

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