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Auf der Flucht

03/2016
Auf der Flucht

„Flucht ist ein Menschheitsthema. Es wurde immer geflüchtet“, sagt Reinhild Gerum, eine der vielen Künstlerinnen und Künstler, die in diesem Heft mit Bildern vertreten sind. Das klingt angesichts der aufgescheuchten Debatten des letzten Jahres retardierend. Calm down. Möchte man meinen. Aber die Geste der Aufmerksamkeit, der Zuwendung auch, die die Künstlerin den Fluchtgeschichten aus unterschiedlichen Jahrzehnten widmet, ist jener andere Blick, ohne die diese Gegenwart roh werden würde. Und abgestumpft. Oder nur von Hass bestimmt. Lange verdrängt – Lampedusa oder Lesbos waren weit –, dann medial aufgeputscht, und plötzlich vor der eigenen Haustür: Österreich und Deutschland, die skandinavischen Länder, ganz Europa wurde 2015 von der „Flüchtlingskrise“ eingeholt. Das Cover dieser Ausgabe von „kunst und kirche“ zeigt losstürmende Menschen, die offensichtlich eine Absperrung durchbrochen haben. Es hat sich tief in das kulturelle Gegenwartsgedächtnis eingegraben. Werden wir überrannt? Schaffen wir das? Wo sind die Grenzen? Das Bild ist eigentlich kein Bild, will keines sein. Sein Rahmen ist aufgerissen, wie ein Umzugskarton, der schnell geöffnet wird. Soviel haben die „fleeing refugees“ (Toni Kleinlercher) gar nicht mit. Nur sich selbst. Und das Telefon. Kunst muss nicht die gegenwärtigen Angstdebatten lösen. Sie ist auch wahrscheinlich kein Beitrag gegen den Terror. Was aber die Kunst in dieser Situation anzubieten vermag, ist vor allem eine Sensibilität des Blicks, mitunter sogar einen radikalen Blickwechsel. Kunst, die freilich nicht um sich selbst und um ihre kapitalistische Wertsteigerung kreist, sondern die einfach durchzubuchstabieren anfängt, was jetzt zu tun wäre. Man mag, um bei Bismarcks Diktum über die Bergpredigt eine Anlehnung zu machen, vielleicht mit Künstlern keinen Staat machen, und doch sind ihre Bilder für unseren verantwortbaren Bilderhaushalt essentiell notwendig: nicht zuletzt als ein Akt der Stellvertretung für unser eigenes Unvermögen, diesen Bildern ins Gesicht zu sehen. Wie kann Respekt, wie Würde dabei noch sichtbar werden? Wie unmittelbar müssen Bilder sein und in welche Nähe dürfen sie führen? Darum geht es in diesem Heft. Mit Künstlerseiten werden Einzelpositionen zwischen Essays und Interviews eingestreut. Die Genres wurden bewusst aufgemacht: Nicht nur zeitgenössische Kunst spielt eine Rolle, auch die Architektur (mit der diesjährigen Architekturbiennale) und der zeitgenössische Film. Für uns ist dieses sehr aktuelle Thema auch das letzte, das wir für „kunst und kirche“ bearbeitet haben. Seit 2002 haben wir mit 16 Themenheften, davon 10 in gemeinsamer Verantwortung, die Möglichkeit gehabt, spannende, mitunter brisante, dann wieder den großen Bogen einmahnende Themen gestalten können. Dafür sagen wir an dieser Stelle Dank. Den HerausgeberInnen in dieser Zeit für ihre Verantwortung und das Vertrauen, Johannes Neuhardt, Monika Leisch-Kiesl (auf katholischer Seite) und Horst Schwebel und Thomas Erne (auf evangelischer Seite), den Verlagen (das beispiel, SpringerWienNewYork und medecco), den jeweiligen GestalterInnen, den früheren und derzeitigen RedaktionskollegInnen und namentlich Günther Rombold, der uns vor fast 15 Jahren holte und uns eingeladen hat, sein Werk dieser Zeitschrift sozusagen fortzusetzen. Mitunter war das Eis dünn. Viel Herzblut floss in diese Zeitschrift. Wir hoffen, wir konnten so manches seiner Erwartungen erfüllen. Ihm sei dieses Heft gewidmet. Der „Neuen Generation“ in der Redaktion aber wünschen wir von Herzen alles Gute.

Alois Kölbl/Johannes Rauchenberger

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