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Transkulturalität? - Religion und Migration neu denken

03/2008
Transkulturalität? - Religion und Migration neu denken

9/11 hat die Migrations- und Globalisierungsdebatte unter ganz  neue Vorzeichen gestellt. Politisch vereinnahmte Religion hat dabei einen ungeahnten Stellenwert erhalten. Während sich der Westen in seinen privatisierten spirituellen Regungen auf einen Mix aus fernöstlicher Light-Spiritualität und Nützlichkeitsdesign netter Riten einer Wohlfühlethik heimelig eingerichtet hatte, zog jäh die fundamentalistische Fratze religiös geladener Pulverfässer über den Globus. Breit gemacht hat sich eine Angst vor dem Aufeinanderstoßen der Kulturen, die vor allem aus unsicheren Identitäten gespeist ist.
 „Transkulturalität“ (Wolfgang Welsch) ist eine zwar wenig schöne Wortkreation, die den Diskurs der letzten Jahre bestimmte, sie zeigt aber vor allem den vernetzenden Charakter kultureller Eigen- und Spielarten in einer globalisierten Welt an. Statt Huntingtons These wäre das Plädoyer von Ilija Trojanow und Ranjit Hoksoté zu favorisieren: „Kampfabsage. Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen.“  
Worum es also hiermit geht, sind positive Gegenbilder transkulturellen Denkens jenseits dieser neuen Prämissen der Angst zu zeigen. Das Heft versucht mit dem Fokus von KünstlerInnen, denen selber meist der Status von MigrantInnen zukommt, Religion und Migration neu zu denken und in bildlichen wie theoretischen Statements den aktuellen Diskurs bezüglich der Fragen von Trans- und Interkulturalität zur Sprache zu bringen und zur Diskussion zu stellen.
Die Frage nach einer neuen Ethik (Zlatko Kopljar) steht dabei ebenso im Blick wie der kultische Aspekt jener Traditionen, die Religionen bilden, und denen im Migrationsdiskurs eine besondere identitätsbildende Kraft zukommt. Neben dem Kulturphilosophen Wolfgang Welsch lassen wir Karl-Josef Kuschel, einen der wichtigsten Vertreter der interreligiösen Debatte ausführlich in einem Interview zu Wort kommen; abschließend versucht Monika Leisch-Kiesl mit einem Blick in die Kunstgeschichte der Moderne die Sicht auf die Gegenwart zu schärfen. Dazwischen stehen in Form von Interviews, in näheren Werkbeschreibungen oder einfach auf selbständigen Bildseiten künstlerische Positionen, die als solche sich begrifflich eindeutigen Plädoyers zwar entziehen, aber mit dem Eigenwert des Künstlerischen solche Gegenbilder anzubieten in der Lage sind, auch wenn sie allzu einfachem Einheitsmühen entgegentreten.
Die Beiträge öffnen Themenfelder wie die Frage der Identität unter den Vorzeichen globaler Migration (Danica Dakic´), eines anderen - nämlich angstauflösenden - Blicks auf Religion, besonders auf den Islam (Lidwien van de Ven), einer neuen Sicht auf nationale Be- und Abgrenzungen (Shilpa Gupta), oder die Reflexion des Zustandes verlorener Heimat (Adrian Paci) und das Suchen und Finden einer neuen Sprache im Bewohnen eins „geistigen Orbits“ (Gyula Fodor).

Johannes Rauchenberger, Alois Kölbl

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