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Reliqte - zum Erbe christlicher Bildwelten heute

02/2015
kunst und kirche 2/2015

Reliqte – ein Titel, der sich leicht verschlucken lässt. Fehlt dabei doch ein „U“. Relikte sind Reste. Überbleibsel eines Größeren. Das vereinsamte „Q“ ist sei- nem sakralisierten Vorgänger entlehnt: Reliquien sind Reste von Heiligen. Spu- ren, die die Anwesenheit des einmal körperlich Entschwundenen behaupten.

Dieses Themenheft von „kunst und kirche“ versammelt künstlerische Bei- träge „zum Erbe christlicher Bildwelten heute“. Der Grund ist eine dem Heftti- tel (fast) gleichnamige Ausstellung im Avantgardefestival „steirischer herbst“ in Graz, das sich mit vielerlei künstlerischen Zugängen mit „Relikten, Spuren, Hinterlassenschaften“ beschäftigt – um die Gegenwartskultur zu verstehen. Sie nimmt die Aufnahme und die Transformationen von christlich codierten Bild- welten in der Kunst des 21. Jahrhunderts in den Blick. Exakt zeitgleich findet eine, anlässlich der 50-jährigen Wiederkehr des Abschlusses des II. Vatikani- schen Konzils von der Deutschen Bischofskonferenz initiierte Ausstellung im K 21 in Düsseldorf statt, die sich mit dem Titel „The problem of God“ einer ganz ähnlichen Frageperspektive widmet. Einleitungsbeiträge (Johannes Rauchen- berger, Reinhard Hoeps) führen in die Fragestellung beider Ausstellungen ein.

Dieses Heft zeigt künstlerische Positionen, die mit der Bildwelt des Chris- tentums zugleich respektvoll und frech, versprechend und auffordernd umge- hen. Sie jonglieren mit dieser, machen Brüche sichtbar und verbinden mitunter kühn Jahrhundertdistanzen (Siegfried Anzinger, Norbert Trummer). Doch ein ästhetisches Spiel sind sie damit nicht. Höchste malerische Meisterschaft und radikale Bildverweigerung stehen dicht nebeneinander. Vor dem „horror va- cui“, der schrecklichen Leere, werden heilige Zeichen aufgestellt, in der Hoff- nung, dass sie Stand halten können (Michael Triegel). Der Abendmahlstisch ist voll mit Feuer (Julia Bornefeld), Abwesenheit und Präsenz sind gleichzeitig spürbar (Julia Krahn). Was tischt sich dabei förmlich auf – an täglich zu be- wältigenden existenziellen Aufgaben (Lena Knilli)? Aus Bildverletzungen wer- den Netze zum politischen Handeln (Hermann Glettler); Vorschläge gegen den „Schattengeist“ dieser Welt werden gebracht (Matta Wagnest). Anweisungen angesichts der Bedrohung sind zu lesen (Zenita Komad). Ironie und Leichtig- keit lassen an Blasphemie erst gar nicht denken (Daniel A. Zaman). Die Poesie des Bildes hat Vorrang, und sie verführt in eine kulturelle Zeitlosigkeit – trotz Zeitgenossenschaft (Dorothee Golz).

Die Vorschläge, die Ikonografie der christlichen Bildwelt mit Werken der Gegenwartskunst zu betrachten, reichen von ihrer buchstäblichen Umkehrung und Fesselung im Objekt (Eduard Winklhofer) bis zur Entfesselung in male- rische Lust und Phantasie (Siegfried Anzinger). Nicht wenige Positionen neh- men von der Säkularisierung der christlichen Bilder Notiz und suchen gerade dabei nach ihrer neuen Botschaft. Sie stellen sich der der christlichen Bildwelt immanenten Bild- und Religionskritik (Claudia Schink). Und sie werden von anderen kulturellen Bildwelten aus reflektiert (Edgar Honetschläger, Keiko Sa- dakane). Schließlich wird die Wiederkehr christlicher Bildwelten mit „escha- tologischen Porträts“ abgeschlossen (Joachim Hake/Thomas Henke): Am Ende ist ein Schauen verheißen, nichts anderes: „Jetzt schauen wir wie durch einen Spiegel dunkle Umrisse, dann aber ...“ (1 Kor 13,12) Was also ist, wenn der Spiegel, durch den wir erkennen können, plötzlich bricht? 

Johannes Rauchenberger

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