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Projektion

01/2010
Projektion

Kennen Sie die Geschichte vom malenden Krokodil? Sein Nachbar, der Elefant, darf sich ein Bild aussuchen. Eifrig betätigt sich Krokodil an seiner Staffelei, Tag für Tag entsteht ein neues Werk: ein kräftiger Baum, ein behaglich eingerichtetes Haus, eine … Doch kein Gemälde vermag Elefant so recht zu überzeugen. Da hat Krokodil eine wunderbare Idee: Es rät dem Freund, ein weißes Bild zu wählen. Glücklich zieht Elefant mit der leeren Leinwand von dannen, nagelt es in seinem Heim an die Wand und betrachtet seitdem Tag für Tag sein/e Bild/er.1
Was immer der Elefant auf der weißen Fläche sehen mag: es gefällt ihm besser, liegt ihm näher als jede Darstellung, die Freund Krokodil ihm hätte schenken können. Mit den erinnerten, geträumten, erfundenen, täglich sich wandelnden Ideen kann die einmalige Wiedergabe von Baum oder Haus nicht Schritt halten. Eine Absage an die figurative Malerei? Keineswegs. Vielmehr ein Plädoyer für die Projektion, deren temporäre Qualität und instabile Erscheinung eigenen Bildern Raum lässt.
Wirklichkeit ist uns nicht anders zugänglich denn über Prozesse der Projektion – seien diese erkenntnistheoretisch oder psychoanalytisch gefasst. Künstler/innen sind Fachleute des Projektiven. Wir fragen, wie sie mit Licht und Dunkel, Bild und Raum so umgehen, dass Fakten der äußeren Welt sich kreuzen mit Elementen der Erinnerung und der Fantasie. Wir wollten wissen, wie Medien der Projektion Bilder erzeugen und wo die Erzählweisen des Kinos, der wohl erfolgreichsten Projektionsmaschine des 20. Jahrhunderts, von der Kunst lernte, ihr aber auch Methoden zuspielte, um Belege und Erfindungen des Wirklichen vorzuführen und zu dekonstruieren. Wie müssen Projektionen beschaffen sein, damit sie nicht aus der Realität hinaus, sondern in sie hinein führen? Welche Rolle spielen sie für unsere Begrifflichkeiten und Vorstellungen des Realen?
Wir setzen mit Marcel Duchamp (1887–1968) und Francisco de Goya (1746–1828) bei zwei künstlerischen Bezugspunkten am Beginn der Moderne an; Ersterer betrachtet die Welt schlechthin als Ergebnis von Projektion und schließt damit implizit an Platos Höhlengleichnis an; Letzterem gebiert der Schlaf der Vernunft Ungeheuer. Die Entfernung zwischen den beiden kunsthistorisch exponierten Autoren scheint groß, und doch: Beide anerkennen und nutzen die Macht, die jede Projektion ausübt – sei sie nun Mittel oder Ergebnis der Wahrnehmung von Welt.
Eingehende Studien über künstlerische Positionen stehen im vorliegenden Heft neben übergeordneten Fragestellungen. Projektion entstand im Dialog mit den Autor/inn/en, denen hier ein herzlicher Dank ausgesprochen sei.
Aus philosophischer, kunstwissenschaftlicher und künstlerischer Perspektive erkunden sie in Bild und Text die Dimensionen eines Phänomens, das in der Vielschichtigkeit des Begriffs schwer zu fassen, aber von wirklichkeitserschließender Kraft ist.

    1    Velthuijs M., Krokodil malt sein Meisterwerk, München 1991.

Monika Leisch-Kiesl

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