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Partizipation

01/2012
Partizipation

Thomas Erne und Carin Maria Schirmacher

Die Arabellion verdankt sich einer neuen medial vermittelten Beteiligung der Bürger in Tunesien, Libyen und Ägypten an ihrem politischen Schicksal. Auf den erster Blick mag das ein äusserlicher Anlass sein, um Partizipation in kunst und kirche zum Thema zu machen. Aber es ist doch auffällig, dass zur gleichen Zeit wie in der Politik die Bürgerbeteiligung Raum gewinnt – prozedurale, performative und partizipative Formen in der Kunst an Bedeutung gewannen.
Das gilt nicht nur für das partizipative Theater, wo Petra Dais im Interview mit Martin Seeger oder Christoph Scheuerle zeigen, wie die Grenze zwischen Schauspieler und Zuschauer, Kunst und Leben durchlässig wird. Christoph Riemer und Benedikt Sturzenhecker stellen Playing Arts als ästhetische Selbstbildungspraxis vor, die Kunst und Spiel in einen anregenden Dialog bringt.
Auch in den bildenden Künsten entwickeln sich partizipative Formen. Rein Wolfs zeigt, wie Joseph Beuys’ Idee einer sozialen Plastik gegenwärtige Künstler inspiriert; Viera Pirker erinnert an das Konzept der radikalen Partizipation im Werk von Yoko Ono und der Performance-Künstler Christian Jankowski erläutert im Interview, wie er mit seiner Kunst unser Nachdenken über die Wirklichkeit schärft.
Die Architektur als Kunstform scheint sehr weit von partizipativen Strategien entfernt zu sein, jedoch wurden zwischen 1960 und 1980 Nutzer/innen in den Bauprozess mit einbezogen. Bernhard Steger zeigt dies anhand des Architekten Ottokar Uhl auf, der den Planungsprozess demokratisierte. Am Beispiel der Architekturphotographie analysiert Andreas K. Vetter was sich ändert, wenn der Benutzer als konstitutiver Bestandteil des Bildes von Architektur wahrgenommen wird.
Und schließlich zeigt René Thun, wie die Neue Musik die Hierarchien zwischen Komponisten und Hörer/innen abbaut und jedem Menschen die Fähigkeit zur schöpferischen Hervorbringung von Musik zutraut.
Blickt man auf den reichhaltigen Ertrag, der sich im Blick auf Partizipation in den Künsten der Gegenwart zeigt, dann ist die assoziative Verbindung zum demokratischen Frühling in der arabischen Welt mehr als ein Zufall. Das Thema der Partizipation scheint vielmehr einen systematischen Zusammenhang herzustellen zwischen sozialen und kreativen Prozessen, der der Kunst nicht äußerlich sind. Bei John Dewey findet sich ein solcher Zusammenhang. Dewey versteht die Kunst nicht vom Werk, sondern vom Vollzug her, das Artefakt vom Arte-facere. Dewey situiert auf diese Weise die Kunst in den sozialen Prozessen des Alltags und versteht sie als ein Medium der gesellschaftlichen Selbstverständigung.
Gibt es eine wesentliche Verbindung sozialer und ästhetischer Prozesse? Das ist die Frage, die kunst und kirche mit dem Thema der Partizipation verfolgt. Eine Frage, die im Diskurs um einen iconic turn nur am Rande und als sekundäres Phänomen einer originären Bilderfahrung zur Sprache kommt.
Jörg Probst versucht diese Lücke zu schließen, indem er zeigt, wie die Observation in die Partizipation hineinwirkt. Joachim Ringleben erinnert in seiner Auslegung des Abendmahls an das Potential der Ästhetik Hegels. Albert Gerhards zeigt die Ambivalenz des Begriffs der Partizipation für die religiöse Erfahrung auf. In der Liturgie der Messe ist Partizipation unverzichtbar und zugleich begrenzt, denn sie ist eine Teilhabe an Christus, die nicht konstituiert, woran sie Teil hat.
Übrigens: Partizipieren Sie – indem Sie blättern.
Lassen Sie sich segnen – wann immer Sie möchten…!

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