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Licht

01/2016
Licht

Der Neuplatonismus des Dionysius Areopagita ist eine Metaphysik des Lichts. Das immaterielle Licht zeichnet in seinen Wirkungen den Weg der göttlichen Selbstentäußerung in die Welt nach. An den sichtbaren Taten des Lichts lässt sich seine unsichtbare göttliche Quelle erahnen. Geht nun die menschliche Seele den Weg des Lichts wieder zurück aus der anschaulichen Welt in den unsichtbaren göttlichen Ursprung, dann kehrt sie zurück in den unverfügba- ren Grund, aus dem sie stammt. Diese immateriell-materielle Doppelbewegung, die im Licht möglich ist, findet einen architektonischen Ausdruck in der goti- schen Kathedrale, folgt man der umstrittenen These von Erwin Panofsky. Die Fenster der gotischen Kathedralen sind Schwellen, an denen das immaterielle Licht sichtbar wird und im Sichtbaren ein immaterieller Grund aufscheint. In der modernen Kirchenarchitektur wird das Licht dagegen selber zu einem tra- genden Element der Architektur. Das immaterielle Licht scheint das Materiel- le zu tragen. Es gibt, so die These von Ralf Liptau, im Kirchenbau der Nach- kriegsmoderne „eine Tendenz weg vom Fenster im traditionellen Sinn als einer fest umrahmten Lücke in der Wand, die von einem – oft künstlerisch gestalte- ten – Fenster gefüllt würde hin zu einem raumbildenden, tendenziell immate- riellen Lichteinsatz.“ Die Decke in der Berliner Kirche Maria Regina Martyrum von Hans Schädel scheint in einem Lichtfeld zu schweben, ohne dass noch er- sichtlich ist, woran die Decke konstruktiv hängt.

Was folgt für diese metaphysischen Variationen, die im Licht das immate- rielle Medium sehen, das alles sichtbar werden lässt, ohne selber sichtbar zu sein, wenn sich nicht nur der Kirchenbau, sondern auch die Kunst von der Bin- dung an das natürliche Licht löst? Die Architektur schafft mit Hilfe von Licht- technik eigene Lichträume. Und die Kunst etabliert mit dem elektrischen Licht eine neue Kunstform. Glühbirnen, Neonröhren und LEDs machen aus Kunst- licht die Lichtkunst. Vor allem die Farbe, die in der klassischen Malerei das Licht nur reflektiert, scheint in der Lichtkunst zu einer raumschaffenden Grö- ße aufzusteigen. Das immaterielle Kunstlicht materialisiert sich als Farblicht, das Farblichträume schafft. Hier wird Licht nicht mehr eingesetzt, um archi- tektonische Räume zu akzentuieren oder Bilder in Szene zu setzen, sondern Licht wirkt wie ein Material, das Lichtobjekte schafft und Räume, in die man eintreten kann wie in ein dichtes Blau oder ein greifbares Rot.

Das erste Heft von Kunst und Kirche im Jahr 2016 folgt diesen Spuren des Lichts im Kirchenbau und in der Kunst der Moderne. Die Essays von Thomas Erne, Daniela Mondini und Anna Minta kreisen um die Funktion und Bedeu- tung des Lichts, das im Kirchenbau seit Anbeginn für eine Atmosphäre der Transzendenz sorgte. Über das Licht in der Kunst, auch von Slow Light in der Beleuchtung von Kulturdenkmälern, unterhält sich Monika Leisch-Kiesl mit Siegrun Appelt, eine der führenden Lichtkünstlerinnen Österreichs. Der öster- reichische Künstler Kurt Straznicky ist zwar kein ausgewiesener Lichtexperte, aber wie intensiv er mit Licht arbeitet zeigt sich im Gespräch mit Alois Kölbl. Seine Auferstehungsskulptur in der Neulerchenfelder Kirche in Wien ist zu- gleich eine Auferstehung des Lichts. Der Düsseldorfer Künstler Mischa Kuball erläutert im Gespräch mit Hannes Langbein seine Erfahrungen mit Licht-In- terventionen im öffentlichen Raum. Schließlich spricht Gor Chahal, ein russi- scher Medienkünstler mit Alois Kölbl über Licht und den Dialog eines zeitge- nössischen Künstlers mit der russisch-orthodoxen Kirche. Ein Kunstpilgerpfad zum Thema Licht, den Alois Kölbl vorstellt, schließt den Essayteil des Heftes ab. 

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