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Leere Klöster – na und?

02/2020
kunst und kirche 2/2020

Leere Klöster – na und?

Zugegeben ein provokanter Titel. Jedoch berechtigt. Denn er drückt eine positive Grundstimmung aus. kunst und kirche 2/2020 handelt von sich leerenden und leeren Klöstern – aber ohne Wehklagen. Vielmehr ist der Blick in die Zukunft gerichtet. Es geht nicht darum, aufgegebene Ordenshäuser architektonisch zu bewahren und sinnvoll weiter zu nutzen. Nein, diese Ausgabe zeigt, dass Orden zu allen Zeiten wichtiger Teil der Gesellschaft waren, dass sie die Zeichen der Zeit lesen konnten, Impulse gaben und Perspektiven für die Zukunft eröffneten. Krisen bieten die Möglichkeit zum Nachdenken. Das kann ein sentimentaler Blick zurück sein in die mutmaßlich ‚gute, alte Zeit‘. Es kann aber auch zu einer bewussten Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln führen. Was bewegte die GründerInnen, eine neue Gemeinschaft zu errichten? Was war das Einzigartige, Bewegende, Faszinierende, das so viel Nachwuchs brachte? Lässt sich das in das Heute, Hier und Jetzt – und auf das Morgen übertragen? Historisch gesehen eröffneten Klöster Chancen, etwa für Frauen oder KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen. Sie waren Orte der Kontemplation und der Wissensaneignung, wie umfangreiche Sammlungen dokumentieren. Auch als Ruinen üben sie bis heute eine große Anziehungskraft aus. Ihnen wohnt ein nicht zu beschreibender Zauber inne, sie lassen uns über das Vergangene, die Welt und das Dasein nachdenken. Bereits im 16. Jahrhundert beziehen Landschaftsarchitekten Ruinen in ihre Planungen ein und schaffen so kontemplative Orte in Gartenanlagen. Kunst und Kirche begegnen einander und bleiben doch unabhängig. Im 19. Jahrhundert entdecken ProtestantInnen den Wert liturgischer Textilien für den Gottesdienst – ein ungeahnter Siegeszug evangelischer Paramentik nimmt seinen Lauf. Auf katholischer Seite erleben Klöster eine ungeahnte Renaissance. Ungezählte Ordenshäuser entstehen und begeistern Idealisten zum Eintritt. Die Benediktiner von Beuron und Maria Laach faszinieren so sehr, das sich in ihren Mauern regelrechte Künstlerkolonien bilden und einen eigenen Stil prägen: die ‚Beuroner Kunst‘. Kunst und Kirche befruchten sich gegenseitig und schaffen eine ‚neue Welt‘. Nebeneinander, füreinander, miteinander – Kunst und Kirche entwickeln sich im Dialog. Nähe und Distanz: zwischen diesen Polen bewegen sich nicht nur Kunst und Kirche. Die Wissenschaft steht in einem ähnlichen Spannungsverhältnis, wie Papst Franziskus in seinem Schreiben Veritatis Gaudium (2017) zeigt. Mittels Transdisziplinarität möchte er die ganzheitliche Bildung des Menschen fördern. Dialog braucht Raum, nicht nur im geistigen Sinne, sondern auch real. Dialog braucht Klöster…

Anna Minta und Winfried Schwab

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