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Künstlerfenster

02/2014
Künstlerfenster

Im Berichtsteil von „kunst und kirche“ ist die Beschäftigung mit der Gestaltung neuer Glasfenster in Sakralräumen durchgehend präsent. Ein explizites Heft zu diesem Thema sucht man aber in den letzten Jahren vergeblich. Ist es zu binnenkirchlich verfasst? Zu wenig anschlussfähig für einen Dialog mit zeitgenössischer Kunst auf Augenhöhe? Oder einfach zu abgegriffen oder selbst-verständlich?

Glasmalerei ist eine edle Kunst, mit dem Geschmack der langen Dauer und des Überirdischen, wenn nicht der Ewigkeit: Das Himmlische Jerusalem abzubilden ist das Gründungsnarrativ der gotischen Glasmalerei. Ein irdisches Künstlerleben währt dagegen nur kurz. Es sind verschiedene Zeitbemessungen, die in diesem Metier aufeinandertreffen. Aber auch Wertbemessungen fallen da-bei ins Gewicht. Den Status des „Künstlers“ in die Waagschale einer gotischen oder auch romanischen Kathedrale zu werfen, sei es in Reims, in Köln, in Zürich oder in einem kleineren Ort, ist, so gesehen, ziemlich kühn. Dennoch hat dieses Konzept in den letzten Jahrzehnten funktioniert, und es hat den alten, ehrwürdigen Gebäuden plötzlich einen Hauch von Zeitgenossenschaft eingeblasen: Gerhard Richter, Markus Lüpertz, Imi Knoebel, Sigmar Polke, Xenia Hausner, Siegfried Anzinger und viele andere führen die frühere Generation von Marc Chagall, Alfred Manessier, Henri Matisse oder Fernand Leger fort.

Die Debatten um das Richter-Fenster im Kölner Dom, ausgelöst um die Frage nach der Möglichkeit Märtyrer des 20. Jahrhunderts darzustellen, setzte ein Feuer frei, das in der Öffentlichkeit überraschte: Aus der Sicht des Debattenniveaus, wie sie jahrelang von einschlägigen Insidern geführt wurden, waren die Fragen freilich oft merkwürdig retardierend. Müsse „christliche Kunst“ figurativ oder könne sie auch „abstrakt“ sein? Wären farbige Pixel denn in Ordnung, wenn sie von einem Künstler von Weltruhm stammen? Könne man Heiligenlegenden wie jene der Heiligen Elisabeth ungebrochen in sozialistischer Comic-Manier in ein Kirchenfenster zeichnen? In dieser Weise wurden etwa mitunter weit über die Grenzen Deutschlands hinaus vor einigen Jahren das neue Kirchenfenster von Gerhard Richter im Hohen Dom zu Köln oder die fünf kleinen Turmfenster von Neo Rauch im Naumburger Dom debattiert.

Die Heftigkeit der Debatte machte aber auch deutlich, wie eine Kunstreligion, wie sie im deutschen Idealismus geboren worden war, im Erbstreit mit der alten Religion, wie sie die alten Gebäude eben symbolisieren, gelegen war – und das ausgerechnet im postmodernen Bewusstsein.

Was hat es mit der Gattung des „Künstlerfensters“ vor allem in den hehren Sakralräumen in Europa auf sich? Wer lädt wen für welchen Raum ein? Was wird dabei erzählt, gestaltet, (neu) interpretiert? Die Herangehensweisen, Auftraggeberschaft und auch künstlerische Traditionen sind durchaus divergierend in Ländern des deutschen Sprachraumes, Italien oder Frankreich. Schlaglichtartig sollen deswegen auch letztere hereingeholt werden.

Die Herausgeber dieses Heftes wollen bewusst keinen flächendeckenden Überblick über die derzeitige Szene in der Glasmalerei geben, das würde auch den Rahmen eines Heftes sprengen. Vielmehr sollen anhand einer Fragestellung, für die uns der bereits etwas abgegriffene und wohl auch nur bedingt passen-de Begriff „Künstlerfenster“ noch immer brauchbar schien, teilweise durchaus subjektive Schneisen in ein weites Diskursfeld getrieben werden.

Johannes Rauchenberger und Alois Kölbl

 

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