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Kommen Tiere in den Himmel?

01/2015
Kommen Tiere in den Himmel?

Über einen Zeitraum von mehreren Jahrtausenden finden sich in den künstlerischen Hinterlassenschaften prähistorischer Kulturen wesentlich mehr Tier- als Menschendarstellungen. Die Fels- und Höhlenmalereien zeigen ein nur ansatzweise deutbares, jedenfalls magisches Verhältnis des Menschen zum Tier, in der Tiere im Rang von erhabenen Idolen auftauchen, wohl auch weil der Mensch nicht nur Jäger, sondern auch der Gejagte war. In den frühen Hochkulturen werden Tiere oder Mischwesen von Tier und Mensch sogar zu Gottheiten. In den künstlerischen Darstellungen spiegelt sich, dass das Verhältnis des Menschen zum Tier eingebettet war in ein religiöses System und über die Nutzung von Tieren im Arbeitsprozess, die Indienstnahme als Haustier oder die Verwendung als Nahrungslieferant weit hinausging. Mit der Definition des Menschen als „Krone der Schöpfung“ ändert sich auch der künstlerische Blick auf das Tier, das zunehmend zum attributiven Symbolträger, und verdinglichten Beiwerk künstlerischer Gestaltung wird. Die anthropozentrische Perspektive bleibt, auch wenn die Tierwelt spätestens seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts immer wieder als Gegenentwurf zu einer von Kriegen, Gewalt und Technologie-Abhängigkeit bestimmten Menschenwelt auftaucht. Die Kunst der sechziger Jahre schafft mit der Integration von lebenden Tieren in künstlerische Werke auch eine grundsätzlich neue Perspektive. Das Tier wird zum produktiven Gegenüber des Menschen und zum bewusstseinserweiternden Anderen einer allzu sehr von menschlicher Ratio und ökonomiegesteuerten Interessen bestimmten Zivilisation.

Seitdem hat die künstlerische Beschäftigung mit dem Tier beeinflusst von ökologischen Fragestellungen im Allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs, aber auch des Versuches eines ganzheitlicheren Blickes auf die Wirklichkeit beständig zugenommen. Ausstellungen wie „Animal Art“, die 1987 in Graz erstmals einen Überblick über die künstlerische Beschäftigung mit dem Tier in der zeitgenössischen Kunst gab, „Herausforderung Tier. Von Beuys bis Kabakov“ zur Jahrtausendwende in der Städtischen Galerie Karlsruhe, „Mensch und Tier“ 2003 im Hygiene-Museum Dresden, „Lost Paradise“ in diesem Jahr im Düsseldorfer KAI 10, oder die aktuell im Dortmunder Museum Ostwall laufende Schau „Arche Noah. Über Tier und Mensch in der Kunst“ beleuchten das Thema aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. 2005 hat der Kunsthistoriker Thomas Zaunschirm in zwei Bänden der Zeitschrift „Kunstforum“ (Bde. 174 u. 175) verschiedene Aspekte von lebendigen Tieren als Inhalt und Bestandteil von Kunstwerken bzw. als Mitgestalter in der Kunst seit den sechziger Jahren umfassend dargestellt und kritisch beleuchtet

Die plakativ-pointierte Frage des Titels dieser Ausgabe unserer Zeitschrift deutet die Perspektive nur an, in der eine Schneise in ein weites und vielfältiges Themenfeld getrieben werden soll. Sie will nicht suggerieren, dass die Kunst eine Antwort auf diese Frage liefern könnte oder wollte. Sie fungiert vielmehr als Chiffre für die Beleuchtung von einigen Themen und Positionen, die für eine theologische Diskussion relevant sein könnten. Mit dem Blick auf das Tier geht es immer auch um den Blick auf den Menschen, um Verantwortung und Ethik, aber auch um eine erneuerte Positionsbestimmung des Menschen im Schöpfungsganzen. Mehr als sonst üblich kommen deswegen in diesem Heft KünstlerInnen und Künstler in Interviews direkt zu Wort.

Alois Kölbl

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