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Das ist mein Leib

03/2015
Das ist mein Leib

Das Heft 3/2015 von „kunst und kirche“ trägt das Brotwort aus den Einset- zungsworten des Abendmahls als Titel. Das Heft geht von der These aus, dass sich das Thema der Lutherdekade für das Jahr 2015 „Bibel und Bild“ am Abendmahl pointiert verhandeln lässt.

Einerseits ist das Abendmahl ein religiöser Vollzug von Bild und Wort. Brot und Wein sind Bildworte und Wortzeichen, die einander wechselseitig auslegen. Andererseits ist das Abendmahl trotz der sakramentalen Leitbegriffe wie Prä- senz, Transformation, Inkarnation, Kommunion, Gedächtnis, die in die heuti- gen Bildtheorien hineinweisen, als leibhafter Vollzug und aktuale face-to-face Kommunikation von der communio mit einem Bild getrennt. Ohne ein Mini- mum an Geschmack und Verzehr kein Abendmahl.

In diesem Sinne will das Heft am Leitfaden der sakramentalen Verschränkung von Wort und Bild einen Blick auf die Beziehung von bildender Kunst und Kir- che in der Gegenwart werfen: Zum einen auf aktuelle künstlerische Arbeiten im Raum der evangelischen Landeskirchen in Deutschland, die sich im weites- ten Sinne auf das Thema „Das ist mein Leib“ beziehen lassen. Diese Arbeiten werden von den evangelischen Kunstbeauftragten in diesem Heft vorgestellt. Zum anderen – hier kommen theologische, philosophische und kunstwissen- schaftliche Perspektiven ins Spiel – auf die Bildlichkeit des Abendmahls selbst – seien es Altarbilder, sei es der Altar als Bild, seien es Brot und Wein samt ih- ren Gefäßen oder die sich versammelnde Abendmahlsgemeinschaft, die in ei- nem weiteren Sinne als „Bilder“ des Christusleibes gelten können.

Auf diese Weise entsteht ein dialogischer Gang durch die verschiedenen Bilddi- mensionen des Abendmahls: Angefangen am Ort des Abendmahls, der sich seit der Formulierung der Transsubstantiationslehre zum Ort multipler Bildlichkeit mauserte (Ulrike Surmann) – und gegenwärtig als Ort künstlerischer Abend- mahlsdeutungen (Christhard Neubert) und – in ironischer Brechung – als Ort ewiger Bildreproduktion (Birgit Weindl) fungiert. Über den Altar als Bild-Objekt eigener Güte, der zwischen religiöser Funktion und autonomer Gestaltung (Her- mann Glettler) sowohl in seiner räumlichen Position (Lambert Auer) als auch in seiner materiellen und formalen Beschaffenheit (Markus Zink) die Vorstellun- gen der ihn tragenden religiösen Gemeinschaft widerspiegelt. Bis hin zur Bild- haftigkeit von Brot und Wein samt ihren Gefäßen, die ihrerseits „innere Bilder“ – sei es die Anmutung von Schlichtheit (Klaas Huizing), der Silberglanz Gottes (Frank Schmidt) oder ein bestimmtes Gemeinschaftsgefühl (Simone Liedtke) – hervorrufen. Schließlich das Abendmahl als utopische Gemeinschaft (Johan- nes Stüttgen), die sowohl ein vielstimmiges europäisches Versprechen (Kerstin Gralher) als auch einen revolutionär-kindlichen Blick auf die Welt (Werner Son- nenberg) vorläufig verwirklicht. Am Ende zeigt sich, wie eng das Nachdenken über das Abendmahl mit dem Nachdenken über Bild und Bewegung verwoben ist (Alexander Schwan) und sich von dorther sowohl für theatrale (Frank Hid- demann) als auch für performative (Helmut Braun) Zugänge öffnet. Rückblickend scheint sich zu bewahrheiten, was der evangelische Theolo- ge Günter Bader in seiner einleitenden Verhältnisbestimmung von Bild und Abendmahl bemerkt: Dass Bild und Abendmahl mit Blick auf ihren Charakter als Kunst und Sakrament unterschiedliche Größen sind – jedoch nicht so un- terschiedlich, dass sie sich gegenseitig nicht nahe treten würden: „Das ist mein Leib“ bzw. „Das ist mein Blut“ sind dann Zeige-Worte, die Brot und Wein zu Bildern werden lassen. Jedoch zu Bildern, die ihrerseits geschmeckt und ge- fasst werden und damit die Grenzen des Bildes überschreiten. 

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