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Braucht Kunst die Kirche?

01/2007
Braucht Kunst die Kirche?

Braucht Kunst die Kirche? Mit dieser auf den ersten Blick irritierenden Frage wollen wir das Verhältnis von Kunst und Kirche für einmal nicht aus der Sicht der Kirche, sondern aus der Sicht der Kunst beleuchten. Inwieweit die Kirchen die Kunst brauchen, darüber wurde schon viel geschrieben und nachgedacht, wiederholt finden
Tagungen statt, in denen die Bedeutung der Kunst für die Liturgie diskutiert wird. Hier wird umgekehrt gefragt, inwieweit die Kunst die Kirche braucht, was die Kirche der Kunst bedeutet, wie die Kunst sich mit ihren eigenen Anliegen auf Themen der Kirche einlässt.
Braucht Kunst die Kirche? So zu fragen, dafür gibt es verschiedene Anlässe. 1. Bis heute lassen sich international renommierte Künstlerinnen und Künstler dafür gewinnen, in und für Kirchen zu arbeiten. Was motiviert sie, solche Aufträge anzunehmen? 2. Kirchen sind zu beliebten Orten für Wechselausstellungen geworden. Was macht die Attraktivität von Kirchenräumen als Ausstellungsorten aus? 3. Als Folge der Globalisierung sind westliche Künstlerinnen und Künstler heute zurückhaltender im Rezipieren fremder Kulturen und Religion­en und besinnen sich wieder stärker auf ihre eigenen, auch religiösen Wurzeln. Wie ist das zu deuten? Und wie verhalten sich die Kirchen dazu? Ist angesichts dieser Entwicklung heute möglicherweise ein verstärktes Kulturengagement der Kirchen angezeigt?
Braucht Kunst die Kirche? Nein, möchte man spontan antworten. Die Kunst hat sich, zumindest im Westen, vor rund zweihundert Jahren von der Kirche emanzipiert. Das Museum, als sichtbarer Ausdruck eines autonom gewordenen Kunstbetriebs, entwickelte sich zu einem Ort, an dem parallel zur Kirche Sinnfragen verhandelt werden. Daran ist nicht zu rütteln, diese Entwicklung gilt es auch nicht zu beklagen. Vielmehr wird hier danach gefragt, was Kunst und Kirche als auto­nome Partner einander aktuell noch zu sagen haben, und was für eine Form des Dialogs oder der Partnerschaft zwischen Kunst und Kirche heute angesagt ist. Ob es eine solche Partnerschaft ist, wie sie die beiden Kinder auf dem Titelbild dieses Heftes praktizieren, sei zur Debatte gestellt. Der Dialog von Kunst und Kirche als Balanceakt zu zweit? Das Bild ist ein Ausschnitt einer Aufnahme des in Mexico City lebenden belgischen Künstlers Francis Alÿs.
Die Beiträge dieses Heftes basieren auf Vorträgen, die am 26./27. August 2006 an der von der Schweizerischen St. Lukasgesellschaft für Kunst und Kirche organisierten Tagung Kunst & Geist. Braucht Kunst die Kirche? in Kappel am Albis gehalten wurden. Die in die Texte eingestreuten Statements stammen aus einem Podiumsgespräch, in dem ebenfalls die Frage „Braucht Kunst die Kirche?“ diskutiert wurde. Ausnahmsweise hat in diesem Heft auch der Berichtsteil einen thematischen Fokus. Er vermittelt einen Überblick über den aktuellen Stand und neuere Tendenzen des Dialogs von Kunst und Kirche in der Schweiz.

Johannes Stückelberger

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