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Akademien - Bildungs-Räume

02/2007
Akademien - Bildungs-Räume

Im Fokus dieser Ausgabe stehen kirchliche Akademien – als „Bildungs-Räume“, Stätten des freiheitlichen Diskurses über gesellschaftliche Verantwortung und als Wahrnehmungs- und Erfahrungsorte. In Deutschland entstand die erste dieser Akademien 1945 im württembergischen Bad Boll – ein für den Kirchenbau nachgerade programmatischer Name: denn mit Bad Boll verbindet sich für die nachkriegsmoderne Kirchenbaudiskussion der Wille zur radikalen Gestaltprofanierung des evangelischen Gottesdienstraumes. Das Beispiel zeigt: Akademietagungen sind keinem inner circle vorbehalten, sondern können impulsgebend auf die Gesellschaft wirken. Schließlich folgte auf die Bad Boller Tagung von 1965 eine Welle von gestaltprofanierten Gemeindezentren.
Zentrale Aspekte der Akademiearbeit beider christlichen Konfessionen sind Kunst und Kultur, wobei Kunst in ihrer Autonomie, nicht im Sinne einer kirchlichen Kunst diskutiert wird.
In den Akademien begegnen sich Kirche und Welt diskursiv, architektonisch und künstlerisch. Ihnen wohnt etwas Eigenes inne, das die Themenbeiträge dieses Heftes zu fassen suchen.
Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Architektur, die – wie die hier vorgestellten Baukomplexe zeigen – freilich nicht von den Inhalten loszulösen ist. Nur dadurch, dass Form und Funktion in enger Verbindung zueinander stehen, erhalten Akademiebauten die ihnen eigene Prägung. Diese zeigt sich am ehesten in räumlichen Gesamtstrukturen, nicht aber in der Formsprache, welche – sieht man von den bewusst als „Ander-Orte“ (Heterotopien) gestalteten Kapellenräumen ab – weltlichen Charakters ist. Für die 1950er und 1960er Jahre sind architektonisch zwei Akademiearten zu unterscheiden: Repräsentative Herrschaftsarchitektur und funktionsbestimmte Neubauten. Die Inbesitznahme herrschaftlicher Bauten, umgeben von schönen Parklandschaften, gab der nachkriegszeitlichen Suche nach intakten Orten und Landschaften Ausdruck, in denen Neues erdacht werden sollte, während aus den neu errichteten Akademien der Nachkriegsmoderne der Wille nach innovativen ästhetischen Konzeptionen spricht. Heute hingegen lautet der Tenor „Weiterbauen“: Nicht selten ergänzt man Gebäudekomplexe aus der Nachkriegsmoderne durch prägnante, ausdrucksstarke Neubauten. Ein anderer, in jüngerer Zeit freilich ebenfalls beschrittener Weg ist die Aufgabe nachkriegsmoderner Akademiekomplexe. Für jede dieser Alternativen werden Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vorgestellt.
Ergänzt wird der den kirchlichen Akademien gewidmete Thementeil durch Berichte zu Neubauten und bauliche Umgestaltungen in den Niederlanden, in Deutschland und Frankreich, über die evangelische Begleitausstellung zur documenta 12 sowie um Rezensionen zu bemerkenswerten Architekturpublikationen.

Kerstin Wittmann-Englert

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